Mal ultrakurz, mal etwas längerGeschichten

Einige Kurzgeschichten, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Ein paar davon wurden auch schon veröffentlicht …

Werkstatt Freies Schreiben, Aufgabe vom 20.03.2007. Im Text müssen folgende Worte vorkommen: Sternschnuppe, Meerjungfrau, Käppchen, blitzen, vernarbt, Krähe, Purzelbaum, Holunder, Jagen, Sturmwind, durstig, Glockengeläut, mondsüchtig, Lockvogel (kann anstelle eines anderen Worts der Liste verwendet werden). Das ist die lange und ernsthafte Lösung der Aufgabe. Zur Belustigung hab ich auch eine kurze Lösung geschrieben, die ihr unter "Was soll das?" findet.

 

Das Geheimnis von Oak Island

Sternschnuppen regneten vom Himmel, blau und grün ihr flammendes Leben aushauchend. Carter McGinnies hatte keine Augen für das Naturschauspiel, seine Aufmerksamkeit galt den Instrumenten, mit denen er die Meerjungfrau auf Kurs hielt. Besonders das Radar behielt er stets im Blick, denn hier vor der Küste Neu-Schottlands gab es viele Felsen und Riffe, die dem Kutter gefährlich werden konnten. Noch vor Sonnenuntergang waren sie aus Halifax ausgelaufen und hatten Kurs die Küste entlang nach Südwesten genommen. Carter spürte das knisternde Papier des Telegramms in der Brusttasche seines Hemdes. Nur wenige Worte standen darauf: Wir sind unten. Bishop.

Ein Schwall kalter Luft drang in das Ruderhaus, als sich die Luke öffnete und Jimmy Stone die Brücke be­trat. Er balancierte geschickt ein Tablett mit Sandwiches und zwei Bechern dampfenden Kaffees gegen das rhythmische Heben und Senken des Decks zum Kartentisch. »Kleiner Snack, Käpt’n?« Seit Jimmy bei einer Schlägerei zwei Zähne eingebüßt hatte, klang sein ‚Käpt’n‘ eher wie ‚Käppchen‘.

»Das kann ich gut gebrauchen, Jimmy!« Carter lächelte dankbar und griff sich einen der Becher. Jimmy, an einem halben Sandwich kauend, trat an das Instrumentenbord und starrte durch die mit Gischt bespritzten Fenster der Brücke hinaus in die Dunkelheit.

»Sieht aus, als kriegen wir schlechtes Wetter.« brummte er, und musterte den südlichen Horizont, der nur durch das gelegentliche Blitzen in einer Wolkenfront zu sehen war.

»Der Wetterbericht meint, der Sturm würde südlich vorbeilaufen.« Carter zuckte mit den Schultern. »Es könnte allerdings etwas ungemütlich werden, bis wir Oak Island erreichen«. Er gähnte, und strich sich mit der vernarbten Linken über das Gesicht, während er mit der Rechten das Schiff weiter auf Kurs hielt.

»Bishop hat den Stein mit der Krähe also gefunden.« Jimmy starrte noch immer in die Dunkelheit.
»Ich wette, er schlägt inzwischen Purzelbäume vor lauter Nervosität.« Carter grinste, »Da wird ihn nicht mal sein heißgeliebter Holundertee bremsen können.«

Am südwestlichen Horizont war jetzt die Küstenlinie von Oak Island unter dem Wetterleuchten des herannahenden Sturms zu erkennen. Wie abgesprochen hatte Bishop eine Laterne aufgehängt, damit die Meerjungfrau sicher zum Anlegesteg navigieren konnte, und Carter hielt geradewegs darauf zu. Wolkenfetzen jagten über den Himmel, und der Wind peitschte die See über die Reling an die Fenster der kleinen Brücke des Kutters. Kurz vor dem Strand der Insel flaute der Wind ab, und der Kutter konnte im ruhigen Fahrwasser bis an den alten Bootssteg heranfahren. Jimmy sprang auf den Steg, ein Tau hinter sich herziehend, um das Schiff fest zu machen, während Carter den Motor abstellte und nach Bishop Ausschau hielt.

Russel Bishop wartete am Ende des Bootstegs, die Hände tief in seiner Jacke vergraben, auf McGinnies und Stone. Die Arbeiter, die ihm bei den Grabungen geholfen hatten, waren schon längst mit dem anderen Boot hinüber nach Lunenburg gefahren, um vom Sturmwind nicht auf offener See erwischt zu werden. Die Männer begrüßten sich mit einem knappen Nicken und machten sich wortlos auf den Weg ins Innere der Insel.

Carter stellte sich vor, wie sein Vorfahr Daniel McGinnies diesen Weg vor über 200 Jahren entlang gegangen war, und wie er schließlich das kreisrunde Loch und die verrotteten Seilfetzen an dem Ast mit den Kerben entdeckt hatte – auf einer angeblich unbewohnten Insel.

Mit Verstärkung war Daniel Jahre später zurückgekehrt, mit der Hoffnung, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Sie begannen, die Vertiefung auszuheben. Zuerst schaufelten sie eine Lage Schieferplatten frei, was sehr ungewöhnlich war, da es auf der Insel keinen Schiefer gab. In drei Meter Tiefe trafen sie auf eine Schicht aus Holzstämmen, die ordentlich verlegt und in den Seitenwänden verankert waren. Unter den Stämmen entdeckten sie mehrere Bündel vermoderter Kokosfasern genau die Art, mit denen im 18. Jahrhundert zerbrechliche Fracht auf Schiffen gepolstert wurde. Daniel und seine Truppe glaubten, dass hier ein Piratenschatz vergraben sein könnte.

Von dieser Aussicht beflügelt, gruben sie weiter. Alle drei Meter gab es diese Lage Holzstämme und Kokosfasern, und schließlich erreichten sie eine Tiefe von über 30 Metern. Dort trafen sie auf eine weitere große Schieferplatte, die sich deutlich von den anderen Platten unterschied. Auf dem Stein waren die Jahreszahl 1616, das Bild einer Krähe und eine Inschrift in englischen Worten eingeritzt. Da es schon dunkel war, entschied man, am Tag die Grabungen fortzusetzen. Als sie am nächsten Morgen jedoch zum Schacht zurückkehrten, war dieser bis zur 18-Meter-Marke mit Wasser gefüllt. Allen Bemühungen zum Trotz ließ sich der Wasserspiegel nicht verringern, und man musste die Suche einstellen.

Bald sprach man vom ‚Fluch von Oak Island‘, denn niemand hat seit Daniel McGinnies Tagen die Schieferplatte mit der Inschrift wiedergesehen, obwohl sich mehrere Expeditionen an dem Geheimnis versuchten und so mancher Schatzjäger hatte seine Abenteuerlust mit dem Leben bezahlt.

»Wie tief sind wir?« fragte Carter mit rauer Stimme. Der Abstieg zum Grund des Schachtes hatte ihn durstig gemacht. »32 Meter.« antwortete Bishop, während Carter sich umsah. In der Mitte der Grabung lag die Schieferplatte, Scheinwerfer tauchten sie in helles Licht, während vom oberen Ende des Schachtes das Tuckern des Dieselgenerators nach unten drang.

Schwarz und geheimnisvoll lag die Tafel vor ihnen, der Schiefer glänzte im Licht und deutlich waren die Symbole und das Bild der Krähe zu erkennen. Carter ging in die Hocke, und berührte den Stein andächtig mit den Händen. »Du hattest also Recht, Daniel« flüsterte er, während seine Finger den Linien auf dem Stein nachspürten.

Jimmys Räuspern unterbrach Carters Gedanken. »Wo ist denn jetzt der Schatz?«
»Unter der Platte,« erklärte Bishop »wir vermuten die Papiere unter der Platte.«
»Wieso Papiere?« Jimmy runzelte die Stirn. »Ich dachte es geht um einen Schatz?«

»Nun, ein Schatz ist es schon, nur eben nicht Gold und Edelsteine.« Carter stand auf und blickte Jimmy an. »Wir haben Daniels Aufzeichnungen ausgiebig studiert. Russel ist extra nach England gereist, um nachzuforschen, und wir sind uns jetzt, nachdem wir die Inschrift gesehen haben, ziemlich sicher. Sie ist identisch mit den letzten Zeilen der Inschrift auf William Shakespeares Grab: Selig der Mann, der verschont den Stein; verflucht sei, wer entfernt mein Gebein.«[1]

»Die Jahreszahl 1616 ist das Todesjahr Shakespeares,« fuhr Carter fort, »und die Krähe ist sowas wie ein Markenzeichen. Ein Kritiker soll ihn einmal als eine ‚vom Glockengeläut größerer Dichter verschreckte Krähe‘[2] bezeichnet haben. Seitdem hat Shakespeare alle seine Stücke mit dem Bild einer Krähe gekennzeichnet.«

Carter machte eine Pause und blickte auf die schwarze Tafel zu seinen Füßen. »Wenn Russel und ich Recht haben, und das hier kein Lockvogel ist, der nur in die Irre führen soll, dann liegen hier unter diesem Stein, die verschollenen Original-Handschriften von William Shakespeare. Es wäre die größte Sensation in der Geschichte der Literatur.«

Ein Blitz erhellte den Grund des Schachtes, und ein ohrenbetäubendes Krachen folgte beinahe zeitgleich. Die Scheinwerfer gingen aus, und die drei standen plötzlich im Dunkel. Der Wind heulte über dem Loch, doch der Sturm, der nun in voller Stärke über die Insel zog, konnte nicht das Geräusch verdrängen, das die Grube jetzt erfüllte: Das Krachen und Grollen nachgebender Stützen und rutschender Erdmassen!

»Raus hier!« brüllte Bishop, doch seine Warnung kam zu spät. Der Boden bebte, und eine Lawine aus Schlamm und Trümmern begrub die drei Abenteurer und die geheimnisvolle Schieferplatte unter sich. Oak Island hatte sein Geheimnis wieder einmal bewahrt.


[1] Im Original lauten die zwei Sätze: Blest be the man that spares these stones, and curst be he that moves my bones.

[2]Tatsächlich wurde Shakespeare von Graham Green 1592 eine „emporkömmlerische Krähe“ (wörtlich "upstart crow") genannt. Der Rest über die Krähe ist frei erfunden.

Interessant war diesmal, das ich etwas recherchiert habe, und es einige der Dinge, die in der Geschichte vorkommen wirklich gibt, z. B. Oak Island und den Schacht, das Geheimnis und natürlich die Frage, wo Shakespeares Originale hingekommen sind.


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Dienstag, 07. Februar 2012

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