Wen euch die Überraschung am Morgen gefallen hat, habe ich hier eine Variante, die quasi zur Steigerung des Schwierigkeitsgrades die Begriffe nach ihrer Reihenfolge in der Liste verwurschtelt. Die Story habe ich ein paar Tage nach der Schreibwerkstatt geschrieben, um zu sehen, wohin mich das führt. Gleiche Begriffe, völlig andere Geschichte. Die Vorgaben wie bei der "Überraschung"; folgende Begriffe müssen in der Geschichte vorkommen, diesmal in der Reihenfolge der Liste: [red]Schach, Salzstangen, Bahnfahren, Fettnäpfchen, Sauerkirschen, Schatzsuche, Flunsch, Sudoku, Sonnenbrand, fotografieren, Gesülze[/red]

 
[box frame="-c" style="sub5" bg="#fff" fg="#555" title="Zug um Zug"]

[red]Schach[/red]! In ein paar Zügen würde ich matt sein, bestenfalls ein Remis zustande bekommen. Nachdenklich kaue ich an einer [red]Salzstange[/red]. Gibt es einen Weg das Unvermeidliche zu vermeiden? Meine Gedanken schweifen von den Feldern des Spielbretts zu den am Fenster vorbeiziehenden Äckern, die sich abwechselnd saftig grün und leuchtend gelb schier endlos am Gleis aufreihen, gerade so als würden sie dem Reisenden zurufen „Bleib doch, [red]bahnfahren[/red] kannst du auch noch später!“ Wie gerne würde ich der Verlockung erliegen, den kleinen Feldweg entlang schlendern und den Rapsfeldern bis zum Horizont zu folgen.

Seufzend konzentriere ich mich wieder auf das Spiel und schiebe den Läufer zwei Felder vor, um die Bedrohung meines Königs abzuwenden. Diese Reise scheint ewig zu dauern und das fast verlorene Spiel trägt auch nicht dazu bei, meine Stimmung zu heben. Aber zu Marthas Geburtstag nicht zu erscheinen wäre ein zu großes [red]Fettnäpfchen[/red], und ich habe nicht vor, da hineinzutreten.

„Ihre [red]Sauerkirschen[/red]-Marmelade ist wirklich großartig“ versuche ich mich zu trösten und denke an die alten Kirschbäume in Marthas Garten. Vielleicht kann ich mich ja ein wenig davonstehlen, mich unter einen Baum setzen und so dem Trubel etwas entgehen. Nicht das ich Martha nicht mag; ganz im Gegenteil. Aber Verwandtschaft kann man sich leider nicht aussuchen, und die Horde, die sich regelmäßig an ihrem Geburtstag zusammenfand, ist nun nicht gerade mein Ding. „Größtenteils harmlos“ ist noch die netteste Umschreibung, die mir dazu einfällt.

Knastbruder Willy zum Beispiel, das „schwarze Schaf“ wie ihn Martha immer milde lächelnd nennt. Schon als Kinder sind wir immer aneinander geraten. Unwillkürlich stochere ich mit der Zunge an dem Zahn, den er mir ausschlug, weil ich bei der [red]Schatzsuche[/red] als Erster die verborgene Trophäe entdeckte. Garantiert gab es auch an diesem Wochenende wieder Ärger mit ihm, falls er nicht gerade wieder mal im Bau saß.

Na toll, das war mein Läufer! Missvergnügt starre ich auf den weißen Springer, der den Platz des Läufers auf dem Spielfeld eingenommen hat. Mit Willy würdest du das nicht machen, mein Lieber! Stirnrunzelnd ziehe ich die Dame und schlage die neuerliche Bedrohung aus dem Feld. Drei, vier Züge noch, länger würde ich mich wohl nicht mehr wehren können. Der [red]Flunsch[/red] in meinem Gesicht spricht sicher Bände.

Die Rapsfelder vor dem Fenster sind einem Wald gewichen. Die Bäume stehen so dicht am Gleis, das meine Augen sie nur als vorbeifliegende Streifen wahrnehmen, zwischen denen flackerndes Sonnenlicht meine Augen blendet. Ich blicke auf, als eine Frau im Gang an mir vorbeigeht, der aromatische Duft von Kaffee folgt ihr und bleibt in meiner Nase hängen. Am Tisch gegenüber löst ein älterer Herr ein Kreuzworträtsel – nein, es ist dieses Zahlenrätsel wie ich feststelle, als ich mich in meinen Sitz aufrichte. [red]Sudoku[/red] ist in letzter Zeit sehr beliebt geworden. Hätte ich auch spielen sollen statt diesem Spiel, bei dem ich dauernd verliere.

Die Dame auf dem Brett hat unterdessen ihre Farbe von schwarz nach weiß gewechselt, und zerstört damit meine letzte Hoffnung auf ein Remis. Vorne im Gang spielen Kinder, während die Frau mit dem Becher Kaffee versucht ihr Getränk durch den Trubel zu balancieren. Ein dicker Mann blickt sich genervt nach den Kindern um, das Gesicht puterrot wie von einem [red]Sonnenbrand[/red].

Der Zug fährt jetzt langsamer, der Wald ist verschwunden und links und rechts des Gleises tauchen Häuser auf. Erst kleine Reihenhäuser und je näher wir dem Bahnhof kommen höhere und dichter stehende Wohnblocks mit bunten Balkonen und rotbraun gesprenkelten Dächern. Autos schlängeln sich durch die Straßen und am Horizont sticht die weiße Dampfwolke eines Kraftwerks hoch in den sonst makellos blauen Himmel.

Gabi wird sicher wieder das ganze Wochenende mit ihrer Videokamera filmen. Auf der einen Seite ist es schön alle sozusagen „in action“ zu sehen, aber eigentliche ziehe ich das [red]Fotografieren[/red] vor. Beim Betrachten der Bilder scheint mir die Erinnerung wie durch einen Filter weichgezeichnet und die Gedanken können ihren eigenen Pfaden folgen. Filme dagegen…

„Hoppla!“ Verdutzt starre ich auf das Schachbrett. Wieso habe ich das übersehen? Misstrauisch betrachte ich die restlichen Figuren: Hier der Turm, dort der Springer, und wenn nach dem nächsten Zug der Bauer noch steht, kann Weiß nichts mehr tun um das Matt abzuwenden. Grinsend führe ich den nächsten Zug und freue mich schon auf die Ankunft bei Martha und auf Herberts „Glück ist bei den Dummen“-[red]Gesülze[/red]. Das sauertöpfische Gesicht, das er immer zieht, wenn er im Schach verliert, würde mich für alles an diesem Wochenende entschädigen überlege ich, als ich den Senden-Button am Laptop drücke. Ich liebe Online-Schach!

[/box]